In den vorherigen Teilen unserer Serie „Web ohne Barrieren“ haben wir gezeigt, warum barrierefreie digitale Angebote immer wichtiger werden, welche rechtlichen Anforderungen durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz entstehen und worauf es bei der Analyse bestehender Websites ankommt.
Die Vorstellung, eine bestehende Website vollständig umbauen oder sogar neu entwickeln zu müssen, führt häufig dazu, dass Organisationen bzw. Unternehmen das Thema zunächst aufschieben. In der Praxis ist ein kompletter Relaunch jedoch nur selten der richtige erste Schritt: Stattdessen hilft ein strukturierter Prozess dabei, den Einstieg zu erleichtern. Teams können ihre digitalen Angebote systematisch analysieren, Prioritäten festlegen und Verbesserungen kontinuierlich in bestehende Arbeitsprozesse integrieren.
Warum digitale Barrierefreiheit ein fortlaufender Prozess ist
Viele Websites sind das Ergebnis langjähriger Weiterentwicklungen: Neue Inhalte wurden ergänzt, Funktionen erweitert und technische Systeme aktualisiert.
Diese organische Entwicklung führt häufig dazu, dass Strukturen mit der Zeit komplexer werden. Neue Barrieren entstehen dabei oft schrittweise:
- Ein neues Formular wird ergänzt, ohne die Tastaturbedienung zu prüfen.
- Bilder werden eingebunden, ohne Alternativtexte zu hinterlegen.
- Inhalte werden erweitert, ohne die Überschriftenstruktur anzupassen.
Jede dieser Veränderungen ist für sich genommen klein, in der Summe können sie jedoch die Zugänglichkeit einer Website deutlich beeinflussen.
Ein prozessorientierter Ansatz hilft dabei, diese Entwicklung systematisch zu betrachten:
Unternehmen prüfen zunächst den aktuellen Stand ihrer digitalen Angebote, erkennen typische Barrieren und leiten daraus konkrete Prioritäten ab. So müssen nicht alle Seiten gleichzeitig angepasst werden und stattdessen können Teams dort ansetzen, wo Verbesserungen für User den größten Unterschied machen.
Das reduziert den organisatorischen Aufwand und verankert Barrierefreiheit langfristig als festen Bestandteil digitaler Produktentwicklung.
Digitale Barrierefreiheit Schritt für Schritt umsetzen
In der Praxis hat sich ein schrittweises Vorgehen bewährt. Es teilt digitale Barrierefreiheit in klare, aufeinander aufbauende Maßnahmen auf. So können Unternehmen ihre Website gezielt verbessern, Prioritäten setzen und zugleich Erfahrung im Umgang mit barrierefreien Standards sammeln.
1. Bestehende Website analysieren
Der erste Schritt besteht darin, den aktuellen Zustand der Website zu verstehen. Dabei geht es darum zu erkennen, wo Barrieren entstehen und welche Bereiche einer Website besonders wichtig für Nutzerinnen und Nutzer sind.
Eine solche Analyse umfasst in der Regel mehrere Perspektiven: Technische Tests zeigen beispielsweise strukturelle Probleme im Code oder fehlende Alternativtexte für Bilder. Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf zentrale Nutzerpfade. Seiten wie Startseite, Produktseiten oder Kontaktformulare werden besonders häufig genutzt und sollten deshalb frühzeitig geprüft werden.
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2. Barrieren sinnvoll priorisieren
Nach der Analyse wird meist deutlich, dass es mehrere Ansatzpunkte gibt. Für viele Unternehmen ist es jedoch weder realistisch noch sinnvoll, alle Barrieren gleichzeitig zu beheben. Entscheidend ist daher, die Maßnahmen nach Wirkung und Relevanz zu ordnen:
- Welche Hürden beeinträchtigen User besonders stark?
- Welche Funktionen sind zentral für die Nutzung der Website?
- Welche Verbesserungen lassen sich kurzfristig umsetzen?
3. Zentrale Barrieren beheben
Im nächsten Schritt geht es darum, die wichtigsten Hürden gezielt zu reduzieren. Viele Verbesserungen lassen sich bereits mit überschaubarem Aufwand umsetzen, in etwa:
- ausreichende Farbkontraste,
- eine klare Überschriftenstruktur
- oder verständliche Linktexte, die auch ohne Kontext nachvollziehbar sind.
Besonders relevant sind außerdem Formulare. Sie gehören oft zu den zentralen Interaktionspunkten einer Website und sollten deshalb so gestaltet sein, dass sie auch mit Assistenztechnologien problemlos genutzt werden können. Dazu zählen unter anderem eindeutig beschriftete Eingabefelder sowie verständliche Hinweise und Fehlermeldungen.
4. Standards im Team definieren
Damit Barrierefreiheit langfristig funktioniert, braucht es klare Standards, an denen sich alle Beteiligten orientieren können. Denn neue Barrieren entstehen oft dann, wenn Inhalte, Designs oder Funktionen ohne gemeinsame Vorgaben weiterentwickelt werden.
Hilfreich sind zum Beispiel verbindliche Designrichtlinien für Kontraste, Schriftgrößen und Fokuszustände, redaktionelle Leitlinien für verständliche Texte, Überschriften und Linktexte sowie technische Richtlinien für semantischen Code, Tastaturbedienung und Kompatibilität mit Assistenztechnologien.
Werden diese Standards früh berücksichtigt, lässt sich digitale Barrierefreiheit direkt im Entstehungsprozess umsetzen.
5. Barrierefreiheit dauerhaft integrieren
Damit die definierten Standards nicht nur auf dem Papier bestehen, müssen sie fest in die regelmäßigen Abläufe eingebunden werden. Dazu gehören zum Beispiel Checklisten im Redaktionsprozess, barrierefreie Komponenten im Designsystem und regelmäßige Accessibility-Checks vor größeren Updates.
Welche Tools helfen bei der Analyse von digitalen Barrieren?
Digitale Analysewerkzeuge unterstützen Unternehmen dabei, typische Barrieren auf Websites schneller zu erkennen. Verschiedene Tools prüfen beispielsweise Farbkontraste, fehlende Alternativtexte für Bilder oder strukturelle Probleme im HTML-Code.
Zu den bekanntesten Tools gehören:
- Google Lighthouse: Das Tool ist direkt in den Entwicklerwerkzeugen des Chrome-Browsers integriert. Es analysiert unter anderem die Barrierefreiheit einer Website und zeigt typische Probleme sowie Verbesserungspotenziale an.
- WAVE: WAVE visualisiert strukturelle Barrieren direkt auf der Website. Fehlende Alternativtexte, problematische Überschriftenstrukturen oder Kontrastprobleme lassen sich damit schnell erkennen.
- axe DevTools: Diese Browser-Erweiterung hilft Entwicklerteams dabei, Accessibility-Probleme im Code zu identifizieren und gezielt zu beheben.
Sowohl Google als auch Apple bieten umfassende Tools, APIs und Leitlinien, um Developer bei der Gestaltung zugänglicher Apps zu unterstützen.
Automatisierte Tools können allerdings nur einen Teil der Barrieren erfassen. Sie liefern wichtige Hinweise, ersetzen jedoch keine umfassende Prüfung. Ergänzend sind manuelle Tests sinnvoll, etwa durch Tastaturnavigation oder die Nutzung von Screenreadern. Erst diese Kombination ermöglicht ein realistisches Bild davon, wie zugänglich eine Website tatsächlich ist.
Fazit
Digitale Barrierefreiheit umzusetzen bedeutet nicht, ein einzelnes großes Projekt zu starten. Vielmehr handelt es sich um einen kontinuierlichen Prozess, bei dem Unternehmen ihre digitalen Angebote Schritt für Schritt verbessern.
Ein strukturierter Ansatz hilft dabei, bestehende Websites zu analysieren, Prioritäten zu setzen und Maßnahmen sinnvoll zu planen. Design, Technik und Inhalte spielen dabei gleichermaßen eine Rolle.
Wenn Barrierefreiheit frühzeitig in bestehende Arbeitsprozesse integriert wird, entstehen langfristig zugänglichere und qualitativ bessere digitale Angebote. Unternehmen profitieren dabei nicht nur von rechtlicher Sicherheit. Sie schaffen digitale Produkte, die für mehr Menschen nutzbar sind und gleichzeitig eine bessere UX bieten.
Dabei zeigt sich ein weiterer wichtiger Effekt: Viele Maßnahmen zur Barrierefreiheit verbessern auch die technische Struktur und Verständlichkeit von Websites. Genau diese Eigenschaften spielen auch für Suchmaschinen eine zentrale Rolle. Im nächsten Teil unserer Serie schauen wir deshalb genauer hin: Warum Barrierefreiheit und Suchmaschinenoptimierung eng miteinander verbunden sind und wie beide Bereiche gemeinsam zu einer besseren digitalen Sichtbarkeit beitragen können.
Häufig gestellte Fragen
Wie beginnt man mit digitaler Barrierefreiheit?
Der erste Schritt besteht darin, die bestehende Website systematisch zu analysieren. Dabei lassen sich typische Barrieren erkennen, etwa unzureichende Farbkontraste, fehlende Alternativtexte für Bilder oder eine unklare Seitenstruktur.
Technische Tools können dabei helfen, erste Schwachstellen sichtbar zu machen. Anschließend lassen sich die identifizierten Barrieren priorisieren und schrittweise beheben. Besonders sinnvoll ist es, zunächst zentrale Seiten wie Navigation, Formularstrecken oder häufig genutzte Inhalte zu prüfen.
Muss Barrierefreiheit sofort vollständig umgesetzt werden?
Nein. In den meisten Fällen ist eine schrittweise Umsetzung sinnvoller und realistischer. Unternehmen können zunächst die wichtigsten Barrieren auf ihrer Website identifizieren und gezielt verbessern.
Viele Maßnahmen lassen sich bereits mit kleineren Anpassungen umsetzen, etwa durch bessere Farbkontraste, verständlichere Inhalte oder eine klarere Überschriftenstruktur. Anschließend können weitere Verbesserungen nach und nach in laufende Entwicklungs- und Contentprozesse integriert werden.
Welche Teams sollten an barrierefreien Projekten beteiligt sein?
Digitale Barrierefreiheit ist eine gemeinsame Aufgabe verschiedener Bereiche im Unternehmen. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Design, Entwicklung und Redaktion.
Designteams sorgen für gut lesbare und übersichtliche Oberflächen. Entwicklerinnen und Entwickler stellen sicher, dass Websites technisch zugänglich sind und mit Assistenztechnologien funktionieren. Redaktionsteams tragen dazu bei, Inhalte verständlich zu strukturieren und klar zu formulieren.
Wenn Barrierefreiheit früh in Planung, Design und Contentproduktion berücksichtigt wird, lassen sich viele Barrieren bereits im Entstehungsprozess vermeiden.









